Herbstkonzert 2011

ENGLISCHE MUSIK MIT DEM ORATORIENCHOR
(Margrit Zaczkowska, langjährige Rezensentin aller wichtigen klassischen musikalischen Veranstaltungen in der Region)

Uwe Münch geht mit dem Oratorienchor neue Wege. Nebst dem jährlichen Palmsonntagskonzert fand neu ein Herbstkonzert statt. Mit dem englischen Programm wurden bewusst Werke gewählt, die hierzulande relativ unbekannt sind.Zudem sollte mit den beiden zeitgenössischen Komponisten John Rutter und Karl Jenkins ein jüngeres Publikum angesprochen werden. Das Konzert in der Dreifaltigkeitskirche St.Gallen war gut besucht und wurde zu Recht begeistert aufgenommen. Der Chor sang mit spürbarer Freude. Einen grossen Anteil hatten auch die Bläser und Schlagwerker des Sinfonieorchesters St.Gallen und die sehr variabel und mitspürend eingesetzte Orgelbegleitung von Claire Pasquier.

Karl Jenkins schuf neben Werken im Pop-Bereich eine Reihe geistlicher Werke, so die "Mass for Peace". Die Akustik kam dem Chorsopran klanglich entgegen, ohne dabei die Altstimmen zu unterdrücken, diskret und zuverlässig unterstützt von den Männerstimmen. Mit gewaltig und hymnenartig aufstrahlenden Bläsern, ging es dann zu John Rutters "O God our help in ages past", wobei der Chor sich auch den der Gemeinde überlassenen Verse erbarmte. Ein Intermezzo für die Jugend war das von einer Laien-Stimme schlicht gesungene "My Love". Kraftvoll ertönte dann, eingeleitet von Bläserglanz und Orgel, "Now thank we all our God", zu einer festlichen Hymne erhoben. Melodisch getragen – mit sehr schönem Cello-Solo (Maria Schweizer) – erklang von Karl Jenkins "Pie Jesu" und "Paradisum" in schlichter Melodik, während das "Benedictus" aus Mass for Peace mit ausdrucksvoll melodischer Einleitung von Cello und Orgel vom Chor sehr behutsam und ausdrucksvoll gesungen wurde.

Den Höhepunkt und zugleich Abschluss des Konzerts bildete das einzeln gestellte (also nicht als Satz einer Messe fungierende) "Gloria" von Rutter: Eine mit Pauken und Trompeten überaus festliche Verherrlichung, die nun mit Kraft und innerem Engagement, volltönend gesungen wurde. Ein prächtiges, strahlendes Werk mit Grösse, das sich wunderbar zu Festen eignet, wie es seinerzeit Händel pompös und grossartig verstand. Dieses Herbstkonzert vor gut besetzter Kirche war ein voller Erfolg und sollte wenn immer möglich beibehalten werden, ebenso die Verwendung guter, aber bei uns eher vernachlässigten Komponisten.

Palmsonntagskonzert 2011

...Ich möchte Ihnen auf diesem Wege ganz herzlich danken für das wunderbare Konzert. Luis Spohr war uns nicht so bekannt und sowohl mein Mann, wie auch ich waren sehr begeistert und angetan von dieser Musik - es war grossartig!!! .... eine Neuentdeckung!! Nochmals, vielen, vielen Dank!!
Mit freundlichen Grüssen C.H., St.Gallen

...Meine Frau und ich haben gestern Samstag das Palmsonntagskonzert 2011 besucht. Gespannt waren wir auf diese Aufführung, weil der Komponist Louis Spohr uns nicht bekannt war. Sein Werk "Die letzten Dinge" und die grossartige Interpretation haben uns mit Musikalität, religiöser Dimension, Dramatik und doch Hoffnung tief beeindruckt. Wir sind in jeder Beziehung zufrieden mit dem Konzert. Dieses hallt in unseren Körpern immer noch in guter Weise nach. Wir gratulieren dem Oratorienchor, dem Sinfonieorchester, den Solisten und dem Dirigenten herzlich
und danken für diese Feierstunde. Wir fragen uns, warum so wenig Zuhörer Ihre Einladung angenommen haben. Dennoch ermuntern wir Sie, in Ihrem musikalischen Schaffen nicht nachzulassen. Mit freundlichen Grüssen, I.C. K., Gossau

…Dass Konzerte aufgeführt werden können, in denen – ohne Profitanspruch – auch Komponisten mit weniger zugkräftigen Namen aufgeführt werden, ist eine noble Aufgabe, die sich der Oratorienchor dieses Jahr gestellt hat. Gemäss Programmheft war es, dank der Unterstützung durch Stadt und Kanton St.Gallen, engagierter Privatleute, Stiftungen und Unternehmen in der Region wiederum möglich, die über 150-jährige Chor-Tradition fortzusetzen. Wir haben gesehen, dass der Besucherandrang – trotz einem der beeindruckendsten Konzerte der letzten Jahre - nicht überwätigend war. Wir haben uns deshalb entschlossen, den Oratorienchor – als Dank und Anerkennung für die alljährlichen wunderbar auf das Osterfest einstimmenden Konzerte – mit einem finanziellen Beitrag zu unterstützen. Wir freuen uns schon auf das Konzert 2012! L.+R. S., St.Gallen

…Vielen Dank für das erhebende Palmsonntagskonzert. Dass nach dem begeisternden Konzert 2007 mit dem unvergesslichen «Credo» von Arvo Pert wieder ein eher unbekanntes Werk zu entdecken war, hat uns sehr gefreut. Wir sind dankbar, dass auch Ihr neuer Dirigent nicht nur auf die immer wieder gespielten Werke setzt, die man schon x-mal gehört hat. Schade deshalb, dass die Kirche am Samstag nicht so gut gefüllt war; viele haben leider ein interessantes und bewegendes Konzert verpasst. U.K., Rorschach

Ernst und Schönheit der letzten Dinge
(BETTINA KUGLER. Tagblatt St.Gallen)
Im 154. Palmsonntagskonzert des Oratorienchors St.Gallen feierten selten zu hörende Werke von Louis Spohr und Robert Schumann eine klangvolle Auferstehung.
Triumphal erlebte Louis Spohr 1826 die Uraufführung seines Oratoriums «Die letzten Dinge»; 2000 Menschen liessen sich in der Hauptkirche zu Kassel von der Musik zu Texten aus der Offenbarung des Johannes begeistern. Das Konzert muss ein «Event»gewesen sein: in einer abgedunkelten Kirche, in deren Mittelschiff ein silbernes,von Glaslampen beleuchtetes Kreuz aufgehängt war. «Recht einfach, fromm und wahr im Ausdrucke» sollte das Werk nach Wunsch des Komponisten sein, und so kam es auch am vergangenen Wochenende in der Laurenzenkirche zur Aufführung, wenngleich vor weniger Publikum: innig, mit Sinn für seine eingängige Schönheit und liebevoller Sorgfalt in der Interpretation durch Oratorienchor und Sinfonieorchester St.Gallen. Ein willkommener Kontrapunkt in Zeiten, da fortwährend ein Event das andere zu übertönen versucht.
Wiederentdeckungen: Mit den «Letzten Dingen» hat Uwe Münch, Leiter des Oratorienchors, ein zu unrecht vergessenes Werk auf das Programm gesetzt; zwei späte Chorstücke Robert Schumanns stimmen bestens ein auf die romantische, sinfonisch orchestrierte Meditation Spohrs. Dabei kommen Chor und Solisten (Tanja Schun, Terhi Kaarina Lampi, Andreas Wagner, Alexis Wagner) zu dankbaren Aufgaben; das Orchester blüht mit schönen Farbnuancen auf und kann sich in ausgedehnten Vor- und Zwischenspielen profilieren. Was Spohrs Oratorium mit dem sanften Trauergeleit in Schumanns «Requiem für Mignon» op.98 eint, ist der transparente, bei Spohr häufig gänzlich unbegleitete Vokalsatz - berührend, wie sich die Stimmen der Solisten hier trotz unterschiedlicher Timbrierung zusammenfinden; der Chor antwortet klangmächtig und differenziert. Grossartig geht er in Schumanns «Nachtlied» den inneren Weg von Bedrängnis zur Zuversicht, in der Welt eingebettet und geborgen zu sein.
Kunst des Schlichten: Uwe Münch holt Schwung und Andacht seiner Interpretation hörbar aus dem Text, legt Wert auf Verständlichkeit - was der Chor sehr natürlich umsetzt. Die Solopartien bauen nicht auf virtuose Effekte; daraus schöpft vor allem Tanja Schun mit ihrem kristallklaren Sopran grösste Wirkung. Beispiele sinnreicher und fIiessender Rezitativgestaltung geben Terhi Lampi und Bariton Alexis Wagner: Ernst und Schönheit der letzten Dinge klar im Blick.

Berührendes Palmsonntagskonzert
(MARGRIT ZACZKOWSKA, langjährige Rezensentin aller wichtigen klassischen musikalischen Veranstaltungen in der Region)
Das Palmsonntagskonzert des ältesten Chors der Stadt hat eine über 150-jährige Tradition. Die österliche Zeit grenzt das musikalische Repertoire ein, und so kommt man seit Jahren in den Genuss der grossen Passionen, der vielen Stabat Mater und Requiems. Der Dirigent Uwe Münch hat mit Werken von Robert Schumann und Louis Spohr ein besinnliches, sehr inniges Konzert – fern von jeder Effekthascherei und Äusserlichkeit geschaffen. Der Oratorienchor und das Sinfonieorchester steigerten sich im Verlauf des Konzertes immer mehr und die schöne Gewohnheit, das Konzert schweigend und begleitet vom Klang der grossen Glocke ausklingen zu lassen, vertiefte den Eindruck inniger Besinnlichkeit noch.

Zu Beginn standen mit Robert Schumanns «Requiem für Mignon» und «Nachtlied» zwei selten zu hörende Chorwerke auf dem Programm. Uwe Münch erreichte einen schön getragenen, ausgeglichenen Klang mit abwechslungsreicher Dynamik: sehr gut der Männerchor-Anfang «in euch lebe die bildende Kraft» und das vom ganzen Chor klangvoll getragenen Finale «Kinder eilet ins Leben voran». Mit grosser Sorgfalt war auch das kurze «Nachtlied» gestaltet und vom Orchester eingehend untermalt.

Louis Spohr, einst neben Paganini der grösste Violinvirtuose seiner Zeit und ein gefragter Komponist von Violinkonzerten, Sinfonien und Kammermusik, schuf mit dem Oratorium «Die letzten Dinge» ein tröstliches Werk mit Text aus der «Offenbarung und weiteren Bibelstellen. Es begann mit einer dramatischen Ouvertüre zuerst noch etwas blass im Klang, doch steigerte sich das Sinfonieorchester mit Vehemenz und guter Differenzierung hinein, und war dann dem ganzen Werk ein sehr -umsichtiger und mitgehender Begleiter. Mit einem Lobgesang begann der erste Teil, – aus ihm schälte sich der leichte Sopran von Tanja Schuh und der etwas wenig markante, aber schön timbrierte Bass von Alexis Wagner. Der in der höheren Lage kraftvolle Tenor von Andreas Wagner zeigte sich auch als dramatischer Gestalter und mit ihrem klangvollen Mezzosopran erfüllte Terhi Kaarina Lampi (noch gut bekannt von ihrer Tätigkeit am hiesigen Theater) ihren Part. Der Abschluss des ersten Teiles gehörte dem Soloquartett und dem Chor und war mehr innig als dramatisch, mit -differenzierten Piani sehr schön gestaltet.
Mit einem grossen Vorspiel, mit Verve und grösserer Dramatik stieg das Orchester mit Bläsersoli und weichem Streicherklang in den zweiten Teil, der mit einem Bassrezitativ sehr stimmkräftig, aber mit gutem Ausdruck begann. Eine besonders gute Leistung bot der Chor im temperamentvollen «gefallen ist Babylon – mitreissend und engagiert gesungen. Eindrücklich auch die à capella Stelle des Soloquartetts «Selig sind die Toten» mit dem späteren Einsatz des pianissimo singenden Chors. In einem Rezitativ «Sieh einen neuen Himmel...» vereinten sich die liebliche Stimme des Soprans und die volle dunkle des Alt, abgelöst vom hellen Tenor und ergänzt vom Bass im Anfang des Schlusschors. Die grosse Fuge des Halleluja ergab eine eindrückliche, ja gewaltige Schluss-Apotheose an der alle mit starkem Einsatz beteiligt waren. Ein Palmsonntagskonzert der anderen Art – besinnlich und eindrücklich, – eine gute Ostereinstimmung.